Andacht für Juni / Juli

Aus dem Gemeindebrief:

So langsam sollte der Sommer angekommen sein in Berlin, wenn diese Ausgabe des Gemeindebriefs erscheint. Und ich hoffe, er ist nicht nur da in Berlin, sondern auch in den Gemütern, in der Stimmung. Dass dort die Sonne scheint, ist ja durchaus auch ein schwieriges Unterfangen, gerade in den Gemütern der Berlinerinnen und Berliner.

Aber ich wünsche es mir trotzdem und hoffe darauf. Denn in den letzten Jahren und Monaten ist deutlich geworden, wie sehr tatsächlich unsere Stimmungen so viel Wichtiges beeinflussen, das doch eigentlich sachlich und auf Grundlage von Fakten entschieden werden müsste.

Bestes Beispiel dafür sind tatsächlich immer wieder Wahlen und auch politische Ausrichtungen von Bundes- oder Kommunalverwaltungen. Aber auch vieles mehr. Und hier beginnt jetzt nicht ein Schimpfen auf die da oben (auch wenn die Stimmung manchmal danach steht), sondern das soll als Beispiel gelten für das, was hier gemeint ist. Denn, was in Politik und Verwaltungen entschieden wird, betrifft am Ende alle, die im verwalteten Gebiet leben und es beeinflusst unser Zusammenleben und unser Miteinander auch im Alltag. Oder auch andersherum: die Stimmungen, die es unter uns gibt, beeinflussen die Entscheidungen in Regierung und

Verwaltung. Manchmal sind es echte Stimmungen, manchmal auch nur angenommene, auf die die Menschen mit Entscheidungsmacht reagieren.

In Berlin haben alle vor Augen, was die je eine politische Richtung unter Verkehrswende versteht, auf Bundesebene z.B. was die oder die unter Klimaschutz verstehen. In beiden Feldern haben wir zwei starke Richtungswechsel erlebt. Und ich denke, es ist auch objektiv möglich, zu sagen, dass die Entscheidungen, die in diesen Feldern getroffen werden, nicht immer nur aufgrund von Sachlagen und Einsicht in Fakten getroffen werden. Sondern Stimmungen spielen eine große Rolle und persönliche Einstellungen. Und sie werden auch nicht so getroffen, dass genügend Perspektiven von Menschen vorher in die Entscheidungsfindung einfließen, die am Ende betroffen sind. Andere Stimmungen gehen unter und am Ende fühlt sich kaum jemand wirklich gehört oder man fühlt sich wie auf zwei gegnerischen Seiten, die nur die eigene Einstellung, die eigenen Stimmungen definieren und die nicht die Frage, was objektiv und sachlich richtig wäre.

Und, falls noch diskutiert wird, geht es heiß her. Die Hitze des Somers ist da, es fehlt der Sonnenschein.

Wie die Stimmung ein bisschen heben? Es wird sicher nicht schaden, wenn die Menschen ein wenig in Sommerlaune kommen und das auch bewusst zulassen. Unser sommerlicher Monatsspruch für den Juni ist leider eigentlich kein besonderer Stimmungsaufheller. Aber er kann doch was beitragen zu einer anderen Stimmung im Miteinander.

Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib! (Hebräer 13,3)

Wie gesagt, kein Stimmungsaufheller, aber ein Stimmungsaufnehmer. Und vielleicht ein Stimmungsauffänger. Denn hier werden wir ermahnt ganz ernsthaft mal die Perspektive zu wechseln. Nicht einfach der eigenen Stimmung zu folgen, sondern dem nachzuspüren, wie es wäre, wenn man jemand anders wäre. In einer anderen Lage wäre. In einer Lage, in der andere Menschen wirklich sind. Hier wird vor allem erinnert an die Christinnen und Christen, die durch ihren damals noch neuen und im Römischen Reich nicht gern gesehenen und nicht ganz legalen Glauben in Schwierigkeiten gerieten. Es wird geschrieben an die, denen es besser geht. Aber blendet das nicht aus! Denkt, fühlt, handelt, betet so, als ginge es euch auch so. Das ist eine Aufgabe. Denn wer will schon so fühlen?  Es gehört aber zu unserem Glauben dazu, dass wir zulassen, mitzufühlen mit anderen Menschen, selbst mit denen, die wir Feinde nennen. Gott macht es auch so, fühlt, was ein Mensch fühlt, und begibt sich ganz in diese Mit-Menschlichkeit hinein.

Ich will nicht fühlen und denken wie so manche meiner Mitmenschen. Aber ich muss wohl. Es geht auch um sie in unserem Miteinander, Gott geht es ohnehin um sie genauso sehr wie es ihm um mich geht. Ich muss wohl, wir müssen wohl. Wenigstens für ein paar Momente.

Welche Stimmung nehme ich dann auf? Und was kann ich an Bosheit und Feindschaft auffangen, nur, weil jemand sich endlich doch mal gehört fühlt? Sicher nicht alles. Aber ohne das Zulassen der Stimmungen vor allem derer, die in Not sind und unter anderen Menschen leiden, wird sich nichts zum Besseren wenden. Es gibt aber ein „Besseres“, das ist uns versprochen für die Zukunft.

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,25)

Schon der Juli zeigt in die Zukunft, die möglich und von Gott gefordert ist für unser Miteinander. Eine Abkühlung in der Hitze. Und genau das Richtige, um die Sonne zu genießen.

Pfr. Marcel Borchers

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